Memory Lane in Lexington, Illinois

Was kommt nach dem Jubiläumsjahr?

Die Route 66 lächelt von Chicago bis LA
Die Route 66 lächelt von Chicago bis LA

Noch ist die Begeisterung groß in diesem besonderen Jahr. Überall entlang der Route 66 wird gefeiert, restauriert, eröffnet und an hundert Jahre Mother Road erinnert. Menschen aus aller Welt machen sich auf den Weg, Veranstaltungen ziehen Besucher an und Orte, die sonst vielleicht ein wenig abseits der großen Aufmerksamkeit liegen, stehen plötzlich im Rampenlicht.

Aber was wird sein, wenn die Geburtstagskerzen ausgeblasen sind, wenn die Jubiläumsbanner verschwunden, die großen Veranstaltungen vorbei und aus 100 Jahren Route 66 irgendwann ganz selbstverständlich 101, 102 oder 105 Jahre geworden sind?

Vielleicht wird es zunächst tatsächlich ruhiger werden. Vielleicht werden 2027 weniger Menschen unterwegs sein als im großen Jubiläumsjahr. Der mediale Hype wird sich legen, manche werden ihren lang gehegten Traum von der Route 66 im Centennial Year erfüllt haben und das nächste große Reiseziel auf ihre Bucket List setzen. Das muss nicht unbedingt etwas Schlechtes sein.

Vielleicht beginnt gerade dann wieder jene Zeit, in der man die Route 66 ein wenig anders erleben kann. Ohne den ganz großen Trubel. Mit mehr Zeit für die kleinen Orte und für all das, was zwischen Chicago und Santa Monica so leicht übersehen wird. Vielleicht zeigt sich auch erst in den Jahren danach, was das Jubiläum tatsächlich bewirkt hat.

Bleibt von der großen Aufmerksamkeit etwas zurück? Werden Reisende wiederkommen? Werden Menschen, die 2026 zum ersten Mal die Mother Road entdeckt haben, neugierig genug sein, beim nächsten Mal länger zu bleiben, Nebenstrecken zu erkunden und dort anzuhalten, wo kein großes Neonschild den Weg weist?

Ich hoffe es sehr.

Robin Matlock Mural in Moriarty, New Mexico
Robin Matlock Mural in Moriarty, New Mexico

Denn die Route 66 braucht auch nach ihrem hundertsten Geburtstag Menschen, die sie bereisen. Vielleicht sogar mehr denn je. Vor allem aber braucht sie mehr Reisende und weniger Touristen.

Menschen, die nicht ausschließlich die bekannten Fotomotive abhaken und danach weiterfahren, sondern Reiseden, die in einem der historischen Motels übernachten, obwohl wenige Meilen weiter eine große Hotelkette vielleicht bequemer erscheint. Die in einem kleinen Diner essen, in einen alten Trading Post hineinschauen oder in einem winzigen Museum ein paar Dollar in die Donation Box stecken und Menschen, die nicht teilnahmslos an denen vorbeigehen, die diese Orte am Leben erhalten.

Setz dich zu ihnen, frag sie nach ihrer Geschichte, hör ihnen zu, wenn aus fünf Minuten plötzlich eine halbe Stunde wird. Manchmal erfährt man dabei mehr über die Route 66 als aus jedem Reiseführer.

Vielleicht bleibt es bei einem netten Gespräch und einer schönen Erinnerung, vielleicht tauscht man Adressen aus, schreibt sich später eine eMail oder besucht sich bei der nächsten Reise wieder und manchmal wird aus einer zufälligen Begegnung irgendwo an einer alten Straße tatsächlich eine Freundschaft, die viele Jahre oder sogar ein Leben lang hält.

Auch das ist Route 66.

Memory Lane in Lexington, Illinois
Memory Lane in Lexington, Illinois

Natürlich könnte die Zukunft weniger romantisch aussehen. Reisen wird teurer, Gewohnheiten verändern sich und nicht jeder kleine Betrieb wird die kommenden Jahre überstehen. Schon heute verschwinden historische Gebäude und mit ihnen Geschichten, die sich nicht wieder zurückholen lassen. Gerade für kleine, familiengeführte Motels, Diners, Shops und Attraktionen kann es einen gewaltigen Unterschied machen, ob Reisende nur vorbeifahren oder tatsächlich anhalten. 

Das Jubiläum allein wird sie nicht retten, aber vielleicht kann es etwas anstoßen.

Wenn von all den Menschen, die 2026 zum ersten Mal mit der Route 66 in Berührung gekommen sind, nur ein Teil wiederkommt, anderen davon erzählt und beginnt, hinter den berühmten Sehenswürdigkeiten auch die Menschen zu entdecken, dann könnte dieses Jubiläum eine Wirkung haben, die weit über ein einziges Jahr hinausgeht.

Vielleicht wird es nach dem großen Geburtstag also tatsächlich etwas stiller entlang der Mother Road, aber stiller muss nicht bedeuten, dass ihre Geschichte zu Ende geht.

Die ganze Straße gehört mir ganz allein
Die ganze Straße gehört mir ganz allein

Ich selbst bin fast neugieriger darauf, die Route 66 ein Jahr nach ihrem großen Geburtstag wiederzusehen als mitten im Jubiläumstrubel. Wie wird sie sich verändert haben? Was ist geblieben? Welche Orte haben von der Aufmerksamkeit profitiert? Welche alten Bekannten werde ich wiedersehen – und welche Menschen, die ich bisher nur aus der Ferne kenne, werde ich endlich persönlich treffen?

2027 möchte ich mich wieder auf den Weg machen, nicht um zu sehen, was vom Jubiläum übrig geblieben ist, sondern um zu sehen, was daraus entstanden ist.

Denn vielleicht entscheidet sich die Zukunft der Route 66 gar nicht daran, wie viele Menschen zu ihrem hundertsten Geburtstag gekommen sind, sondern vielmehr wie viele danach wiederkommen, wie viele anhalten, wie viele zuhören und wie viele irgendwann nicht mehr nur eine Straße sehen, sondern die Menschen, die ihr eine Seele geben.

Die Feier wird irgendwann vorbei sein.
Die Reise hoffentlich noch lange nicht.

Cruisers Café, Bar & Grill in Williams, AZ
Cruisers Café, Bar & Grill in Williams, AZ

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