Das Highlander in Williams, Arizona

Das Highlander Motel 

eine Begegnung, die heute noch nachklingt

Unsere Geschichte mit dem Highlander Motel in Williams, Arizona, begann rein zufällig, weil unsere Reise an diesem Tag ganz anders verlief als geplant… eine Unterkunft in Flagstaff, ein dadurch völlig veränderter Tagesplan und die Suche nach einem Zimmer für die Nacht.

Eine traurige Erinnerung an einen besonderen Menschen ist geblieben
Alain und sein Highlander – ein Mann, der seinen Traum gerade Wirklichkeit werden ließ.

Von Flagstaff nach Williams – ungeplant

Die Nacht zuvor hatten wir in einem Motel in Flagstaff verbracht. Na ja – heute würde ich es wahrscheinlich nicht mehr so nennen. Eine zweite Übernachtung war eigentlich vorgesehen, doch als wir unser Zimmer am nächsten Morgen bei Tageslicht sahen, war die Entscheidung schnell gefallen: Wir mussten hier weg.

Unser ursprünglicher Plan war, ganz früh zum Grand Canyon aufzubrechen. Stattdessen beschlossen wir, zuerst eine Unterkunft für die kommende Nacht zu suchen, damit wir den restlichen Tag am Grand Canyon verbringen konnten, ohne uns später noch Gedanken darüber machen zu müssen, wo wir schlafen würden. 

Damals konnten wir noch nicht ahnen, dass aus diesem spontanen Stopp eine jener Reisegeschichten werden würde, die man nie vergisst. Mit unserer Suche landeten wir schließlich in Williams und fuhren langsam die Hauptstraße entlang, bis mich das Highlander auf der linken Seite anlächelte.

Ein Belgier und sein amerikanischer Traum

Im Highlander trafen wir Alain Aernoudt, einen Belgier, der gemeinsam mit seiner Frau Sandra Driesse einen großen Schritt gewagt hatte.

Die beiden stammten aus Veurne in Westflandern und waren schon viele Jahre ein Paar. Alain hatte in Belgien einen Metallbaubetrieb geführt, Sandra ein Bekleidungsgeschäft. Amerika faszinierte Alain schon lange, und schließlich beschlossen sie, ihr bisheriges Leben hinter sich zu lassen und in Arizona neu anzufangen.

2011 kauften sie das kleine Highlander Motel an der Route 66 in Williams. Wegen des Visaverfahrens dauerte es noch einige Zeit, bis sie tatsächlich nach Arizona übersiedeln konnten. Als wir Alain 2012 trafen, war dieser Neuanfang also noch ganz frisch und das merkte man ihm an.

Alain war ein Wirbelwind. Er sprühte vor Begeisterung, Tatendrang und Ideen für sein Motel. Wir wollten eigentlich nur wissen, ob er für die kommende Nacht noch ein Zimmer für uns hätte.

Ja, meinte er, genau eins, das letzte freie Zimmer – und das sei gerade erst fertig geworden. Damit hätte die Sache eigentlich erledigt sein können. Bei Alain aber nicht.

Kaum waren wir miteinander ins Gespräch gekommen, begann er uns von Belgien, seiner Auswanderung und seinem Traum zu erzählen. Er zeigte uns die bereits renovierten freien Zimmer und führte uns in eines, an dem gerade gearbeitet wurde, und erklärte, was er dort noch alles verändern wollte.

Aus einer einfachen Frage nach einem Zimmer wurde eine Führung durch seinen amerikanischen Traum. Und ehe wir uns versahen, war mehr als eine Stunde vergangen.

„Wir kommen heute Abend wieder“

Irgendwann mussten wir uns losreißen. Schließlich wollten wir noch zum Grand Canyon und von unserem Tag wenigstens etwas übrig behalten. Wir sagten Alain, dass wir am Abend zurückkommen würden, und machten uns auf den Weg. Nur eines hatten wir nicht getan: Vor lauter Ratschen hatten wir vergessen einzuchecken.

Als wir am Abend wieder vor dem Highlander standen und Alain uns kommen sah, war ihm sein schlechtes Gewissen sofort anzumerken. Er hatte nicht damit gerechnet, dass wir tatsächlich zurückkommen würden. 

Unser Zimmer war weg.

Weil wir morgens nicht gleich eingecheckt hatten und bei Einbruch der Dunkelheit immer noch nicht da waren, war Alain davon ausgegangen, dass wir unsere Pläne geändert hatten und nicht mehr zurückkommen würden. Also hatte er sein letztes Zimmer vergeben.

Natürlich hätten wir enttäuscht sein können. Vielleicht wären wir das sogar gewesen, aber Alain ließ uns kaum Zeit dazu. Noch bevor wir richtig reagieren oder überhaupt fragen konnten, was wir nun machen sollten, hing er bereits am Telefon.

Er telefonierte herum und versuchte, irgendwo in Williams noch ein freies Zimmer für uns aufzutreiben. Nach mehreren Anrufen hatte er tatsächlich eins gefunden, im Red Garter Inn.

Der Name sagte uns damals nichts. Wir wussten weder viel über das Haus noch hatten wir irgendeine Vorstellung davon, was eine Übernachtung dort normalerweise kostete.

Alain erklärte uns nur, dass wir dort unterkommen würden – zu dem Preis, den wir bei ihm im Highlander bezahlt hätten. Das würde er uns schulden, weil er das versprochene Zimmer weiter vermietet hatte. Damit war die Sache für ihn offenbar erledigt; für uns zunächst auch.

Was wir damals noch nicht wussten

Erst später, längst wieder zuhause, beschäftigten wir uns näher mit dem Red Garter Inn und sahen auch die Zimmerpreise. Und plötzlich bekam Alains Geste noch einmal eine ganz andere Bedeutung. Die Übernachtung dort war wesentlich teurer als unser Zimmer im Highlander gewesen wäre.

Alain hatte uns davon nichts erzählt. Er hatte nicht betont, was er da gerade für uns tat. Er hatte nicht versucht, sich dafür feiern zu lassen. Für ihn schien nur eines wichtig zu sein: Er hatte uns ein Zimmer zugesagt, wir waren wie versprochen zurückgekommen – und nun wollte er dafür sorgen, dass wir trotzdem eine Unterkunft bekamen.

Am nächsten Morgen wollten wir deshalb noch einmal beim Highlander vorbeischauen. Wir wollten uns richtig bei ihm bedanken. Doch Alain war gerade nicht da und so fuhren wir weiter. Damals dachten wir einfach: Dann halt beim nächsten Mal.

Wie oft denkt man auf Reisen, dass es irgendwann ein nächstes Mal geben wird.

Nicht nur der Preisunterschied sorgte dafür, dass uns dieses Hotel in Erinnerung blieb – aber das ist eine andere Geschichte.
Nicht nur der Preisunterschied sorgte dafür, dass uns dieses Hotel in Erinnerung blieb – aber das ist eine andere Geschichte.

Ein kleines Motel mit großen Plänen

Das Highlander war ein klassisches kleines Route 66 Motel mit nur zwölf Zimmern. Es stammt aus der Blütezeit der Mother Road und gehörte lange vor Alain und Sandra bereits zum Straßenbild von Williams.

Alain wollte daraus kein modernes, austauschbares Hotel machen. Der Charakter des alten Motels sollte erhalten bleiben, während die Zimmer nach und nach erneuert wurden.

Genau diesen Übergang durften wir 2012 mit eigenen Augen sehen.

Einige Zimmer waren bereits fertig, andere befanden sich mitten im Umbau. Neue Böden, neue Farben und moderne Ausstattung sollten einziehen. Auch das historische Erscheinungsbild und das Neon waren ihm wichtig. Sogar ein Frühstücksraum mit belgischen Spezialitäten gehörte zu den Ideen für die Zukunft. Seine Begeisterung war ansteckend.

Wenn ich heute an Alain denke, sehe ich diesen Mann, der uns voller Stolz durch sein kleines Motel führte und uns jedes Detail zeigen wollte, ein Mann, der gerade dabei war, seinen Traum Wirklichkeit werden zu lassen.

Aber das Leben schrieb eine andere Geschichte

Was wir 2012 natürlich nicht wissen konnten: Dieser amerikanische Traum sollte nur sehr kurz dauern.

Sandra wurde in Arizona offenbar nie wirklich heimisch. Das Leben dort fiel ihr schwer. Sie hatte Heimweh und kehrte immer wieder nach Belgien zurück. Hinter der Geschichte eines Paares, das gemeinsam einen Traum verwirklichen wollte, entwickelte sich eine sehr viel schwierigere persönliche Situation.

Im August 2013 kehrte Sandra dann endgültig nach Belgien zurück. Im Oktober desselben Jahres nahm sie sich dort das Leben. Kurz darauf nahm sich auch Alain in Williams das Leben.

Gerade bei einer Geschichte wie dieser möchte ich nicht versuchen zu erklären, was sich nicht erklären lässt. Depressionen, eine Beziehung in der Krise, Heimweh, Einsamkeit und die Belastungen eines völlig neuen Lebens spielten offenbar eine Rolle. Aber was Sandra und Alain letztlich empfanden und was zu ihren Entscheidungen führte, wussten nur sie selbst.

Für die Menschen, die sie kannten, blieb eine Tragödie. Und für uns blieb plötzlich die Erinnerung an einen Menschen, von dem wir bei unserer Begegnung nur eine einzige Seite kennengelernt hatten: Alain voller Pläne, voller Energie und Begeisterung für das, was vor ihm lag.

Ein Traum, der an der Route 66 weiterlebt

Das Highlander Motel steht noch heute an der Route 66 in Williams. Die Besitzer haben gewechselt, die Zimmer wurden verändert und renoviert, und mehr als ein Jahrzehnt ist vergangen, seit Alain voller Tatendrang durch dieses kleine Motel wirbelte. Für die meisten Reisenden, die heute dort anhalten, ist es vermutlich einfach eines jener alten Motels, die noch immer ein Stück der Geschichte der Mother Road bewahren.

Für mich wird das Highlander immer mit Alain verbunden bleiben.

Vielleicht ist das der schönste Gedanke, den ich dieser traurigen Geschichte abgewinnen kann. Ein Teil von Alains Traum hat ihn überlebt. Reisende kommen und gehen, Türen öffnen und schließen sich, abends leuchtet die Route 66 durch Williams – und irgendwo dazwischen steht noch immer dieses kleine Motel, in das ein Belgier einmal all seine Hoffnung, seine Energie und seine Begeisterung für ein neues Leben gesteckt hat.

Wenn ich heute an das Highlander denke, geht es um eine Begegnung im Jahr 2012 und um einen Menschen, den wir nur für ein paar Stunden kannten und der uns dennoch etwas hinterlassen hat, an das wir uns bis heute erinnern.

Und vielleicht ist diese Geschichte nun endlich die Gelegenheit, die wir am Morgen nach unserer Übernachtung verpasst haben:

Danke, Alain.


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