… mehr als ein halbes Jahrhundert am Munger Moss Motel

Eigentlich hatte ich bei der Reservierung nur einen kleinen Wunsch geäußert: Ich würde gerne etwas mehr über die Geschichte des Munger Moss erfahren. Dass daraus eine Begegnung werden würde, die mir bis heute in Erinnerung geblieben ist, hätte ich nie geahnt.
Als wir im Munger Moss ankamen und bei der Anmeldung unsere Namen nannten, dauerte es nicht lange, bis Ramona Lehman zu uns herüberkam. Sie begrüßte uns nicht wie fremde Gäste, die gerade zum ersten Mal ihr Motel betraten. Wir umarmten uns, als würden wir uns nach langer Zeit endlich wiedersehen.
So begann unsere Begegnung mit einer Frau, die mehr als ein halbes Jahrhundert ihres Lebens mit dem Munger Moss und der Route 66 verbunden war – und die mir gezeigt hat, dass manchmal nicht der Ort selbst die kostbarste Reiseerinnerung ist, sondern der Mensch, dem man dort begegnet.
Ein Name, der älter ist als das Motel
Die Geschichte des Munger Moss begann nicht in Lebanon und auch nicht mit einem Motel.
Der Name geht zurück auf Nellie Munger und ihren Mann Emmett Moss, die in den 1930er-Jahren bei Devil’s Elbow einen Sandwich- und Barbecue-Shop betrieben. Als eine neue vierspurige Streckenführung den alten Standort vom Verkehr abschnitt, übernahmen Pete und Jessie Hudson das Geschäft und brachten den Namen Munger Moss 1945 nach Lebanon.
Dort eröffneten sie zunächst das Munger Moss Barbecue. Bereits 1946 kamen die ersten Übernachtungsmöglichkeiten hinzu: sieben Gebäude mit jeweils zwei Zimmern bildeten den ursprünglichen Motor Court. In den folgenden Jahren wurde immer wieder erweitert. Und irgendwann stand dort auch jenes große Neonschild, das zu einem der bekanntesten Motive der Route 66 in Missouri werden sollte.
Doch die Geschichte, wegen der ich mich an diesen Ort erinnere, begann erst 1971.
Von Iowa nach Missouri
Bob und Ramona Lehman stammten beide aus dem Nordosten Iowas und waren auf Farmen aufgewachsen. Bob arbeitete gemeinsam mit seinem Vater in der Landwirtschaft, Ramona war ausgebildete Krankenschwester und arbeitete in einer Arztpraxis.
Ihre erste Begegnung mit der Route 66 hatte Ramona übrigens lange zuvor: Auf ihrer Hochzeitsreise 1957 nach St. Louis übernachteten die beiden im King Brothers Motel an der Route 66. Dass die Straße einmal einen großen Teil ihres Lebens bestimmen würde, konnten sie damals kaum ahnen.
Ein strenger Winter in Iowa brachte 1971 schließlich die Wende. Nachdem Bob während eines schweren Schneesturms erst am nächsten Tag nach Hause gekommen war, stand für ihn fest: Sie wollten weiter in den Süden.
Auf der Suche nach einer neuen Existenz sahen sie sich zunächst nach einem Motel in Springfield, Missouri, um. Auf dem Rückweg hielten sie in Lebanon zum Tanken. Dort begegneten sie einem Makler, der sie zum Munger Moss Motel brachte. Sie lernten Pete und Jessie Hudson kennen, ließen sich das Motel zeigen und hörten seine Geschichte. Nur wenige Tage später machten sie ein Angebot.
Am 1. Juni 1971 übernahmen Bob und Ramona Lehman das Munger Moss Motel.
Aus einer eher zufälligen Begegnung wurde ein Lebenswerk.

Mehr als ein Motel
Die kommenden Jahrzehnte waren nicht immer einfach. Mit der Interstate verschwanden viele Reisende von der alten Route 66, und zahlreiche kleine Motels und Geschäfte entlang der Straße mussten aufgeben. Das Munger Moss blieb. Bob kümmerte sich vor allem um die Gebäude und die vielen praktischen Arbeiten, die ein Motel mit sich bringt. Ramona wurde immer mehr zum Gesicht des Hauses – und schließlich zu einem der bekanntesten Gesichter der gesamten Route 66.
Als das Interesse an der historischen Straße wieder zunahm, verstand sie früh, dass gerade das Alte der Schatz des Munger Moss war. Alte Fliesen, Möbel, Fotografien und Erinnerungsstücke wurden nicht einfach durch Neues ersetzt. Es entstanden Themenzimmer, und die Lobby wurde mit Erinnerungen an die Route 66 und an Menschen aus aller Welt gefüllt. Denn für Ramona waren die Menschen mindestens genauso wichtig wie das Motel.
Sie sagte einmal über die Menschen der Route 66, dass sie wie eine große Familie seien, die immer weiter wachse – man kümmere sich umeinander. Ich glaube, ich habe genau das erlebt.
Eine Reservierung – und eine Umarmung
Nach der Geschichte rund um das Munger Moss möchte ich noch einmal zu jenem Nachmittag zurückkehren, an dem wir Ramona kennenlernten. Aus der herzlichen Umarmung bei unserer Ankunft wurde schon bald ein langes Gespräch. Aus ein paar Worten wurden Minuten und aus den Minuten schließlich mehr als eine Stunde. Die Hitze dieses Tages, der Schweiß auf unserer Haut und die Müdigkeit von der Straße waren irgendwann völlig vergessen.
Ramona erzählte uns ihre Geschichte. Vom Munger Moss, von der Route 66, von ihrem Leben mit Bob und von all den Jahren, in denen dieses Motel ihr Zuhause gewesen war. Sie erzählte mit einer solchen Offenheit und Herzlichkeit, dass wir irgendwann gar nicht mehr das Gefühl hatten, Gäste zu sein, die etwas über die Geschichte eines Motels erfahren wollten. Wir saßen einfach da, hörten zu und ließen uns mitnehmen in ein Leben an der Mother Road. Zum Schluss gab sie uns noch ein kleines Heftchen mit Informationen über die Geschichte des Munger Moss mit – etwas zum Nachlesen über all das, wovon sie uns gerade erzählt hatte.
Genau solche Begegnungen hatte ich mir von dieser Reise erhofft. Nicht nur die bekannten Orte zu sehen und ihre Geschichte nachzulesen, sondern sie von den Menschen erzählt zu bekommen, die selbst ein Teil davon geworden waren.
„Ich kann ohnehin nichts mitnehmen“
Natürlich wollten wir auch eine Erinnerung an das Munger Moss mitnehmen. Ein T-Shirt und eine Mütze hatten wir uns ausgesucht. Doch Ramona wollte unser Geld nicht, sie schenkte uns beides.
Ihre Begründung werde ich wohl nie vergessen:
„Ich kann ja sowieso nichts mitnehmen, wenn ich mal von dieser Welt gehe – und euch schenke ich es von Herzen.“
Da hatte ich Tränen in den Augen. Mit so viel Warmherzigkeit und Güte hatte ich nicht gerechnet.
Und damit war sie noch nicht fertig. Wir bekamen nicht das Zimmer, das wir reserviert hatten, sondern ein Upgrade auf Ramonas ganz besonderes Zimmer, ihr absoluter Stolz und das ohne Aufpreis.
Es handelt sich um Zimmer 24 – das Route 66 Room. Die Wände waren über und über mit alten Fotografien und Postkarten bedeckt: Motels, Straßen, Tankstellen und Erinnerungen an die Mother Road. Fast wie ein kleines Route 66 Museum, nur dass wir darin übernachten durften. Damals wusste ich nicht, dass dieses Zimmer bereits Jahre zuvor als eines der besonderen Zimmer des Munger Moss beschrieben worden war. Für mich war es einfach Ramonas Geschenk an uns – ein Upgrade, für das sie keinen Cent mehr verlangte. „Das habt ihr verdient“, sagte sie und fügte, an mich gewandt, mit einem Lächeln hinzu: „Dir wird es besonders gefallen. Ich weiß, du fotografierst gerne.“
Warum wir das verdient haben sollten, weiß ich bis heute nicht. Vielleicht musste man bei Ramona auch gar nichts verdienen. Vielleicht war das einfach ihre Art, Menschen willkommen zu heißen.
Die Mother of the Mother Road
Bob und Ramona führten das Munger Moss gemeinsam über Jahrzehnte. 2019 starb Bob im Alter von 81 Jahren. Ramona machte weiter.
2021 konnte sie auf 50 Jahre im Munger Moss zurückblicken. 2022 wurden Bob und Ramona gemeinsam in die Laclede County Route 66 Wall of Fame aufgenommen – als Anerkennung für ihren außergewöhnlichen Beitrag zur Geschichte der Route 66 in Lebanon.
Ramona erhielt im Laufe der Jahre verschiedene Beinamen. In Lebanon war sie die Queen of Route 66. In ihrem Nachruf findet sich jener Name, der vielleicht noch besser zu ihr passt:
Mother of the Mother Road.
Mehr als 52 Jahre lang war das Munger Moss ihr Zuhause und ihre Aufgabe.
Ramona Lehman starb am 2. August 2023 im Alter von 85 Jahren.
Was bleibt
Heute hat sich das Munger Moss verändert. Nach Ramonas Tod wurde die Anlage verkauft. Das berühmte Neonschild blieb jedoch erhalten und wurde von der Stadt Lebanon übernommen und restauriert.
Am 1. Juni 2026 wurde es wieder eingeschaltet. Es war der Jahrestag jenes Tages, an dem Bob und Ramona Lehman 55 Jahre zuvor das Munger Moss übernommen hatten.
Vielleicht kann ein Datum manchmal doch eine kleine Geschichte erzählen.
Wenn ich heute an das Munger Moss denke, sehe ich natürlich dieses große Neonschild vor mir. Aber zuerst sehe ich Ramona.
Ich sehe eine Frau, die auf uns zukommt und uns umarmt, obwohl wir uns noch nie zuvor begegnet waren. Ich sehe uns nach einem langen, heißen Tag zusammensitzen und reden. Und ich höre wieder ihre Worte, als sie uns unsere Erinnerungsstücke schenkte.
Das T-Shirt und die Mütze haben wir heute noch. Doch die eigentliche Erinnerung war und bleibt Ramona.
Entdecke mehr von Route 66 Travelers
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.









