Wie weit reicht eigentlich die Route 66? Von Chicago nach Santa Monica sind es rund 2.400 Meilen – aber für manche Freundschaften, die dort beginnen, ist das offenbar noch lange nicht weit genug.

Judy und Richard Walker aus Springfield, Missouri, gehören seit vielen Jahren zu jener großen Route 66 Familie, die sich irgendwo entlang der Mother Road immer wieder begegnet. Mit der Kamera, bei Festivals und Treffen, unterwegs mit anderen Roadies oder beim Einsatz für historische Orte – die beiden sind mittendrin, und erstaunlich oft findet man in ihrer Nähe auch Dean Kennedy, mit dem sie viele Meilen und Erlebnisse entlang der Route teilen.
Judy und Richard reisen aber nicht nur auf der Route 66, sie gehören auch zu jenen Roadies, denen es wichtig ist, etwas von ihrer Geschichte für die Zukunft zu bewahren.
Ein besonders schönes Beispiel dafür ist die Painted Desert Trading Post in Arizona, deren Ruine einsam in der Landschaft unweit des Petrified Forest National Park steht. Einst konnten Reisende hier tanken, etwas trinken oder eines der typischen Souvenirs des amerikanischen Südwestens kaufen, doch nachdem die Interstate den Verkehr von der alten Route 66 abgezogen hatte, wurde die Trading Post aufgegeben und verfiel über Jahrzehnte. Wind, Wetter und Vandalismus setzten dem Gebäude immer stärker zu, und irgendwann war absehbar, dass dieses kleine Stück Route 66 Geschichte ganz verschwinden könnte. 2018 gehörten Judy und Richard zu einer Gruppe engagierter Roadies, die deshalb einen ungewöhnlichen Schritt wagte: Gemeinsam kauften sie das rund 40 Hektar große Gelände samt Trading Post. Die neu gegründete Route 66 Co-op machte sich daran, das schwer beschädigte Gebäude zu stabilisieren und zu sichern – nicht um daraus eine moderne Touristenattraktion zu machen, sondern um möglichst viel von dem zu erhalten, was die Jahrzehnte überstanden hatte.
Auch vor der eigenen Haustür in Springfield, Missouri, beschäftigten sich Judy und Richard mit den Spuren der alten Straße. Dort stehen die Lurvey Courts, ein ehemaliger Motor Court aus den frühen Tagen des Autotourismus, als Reisende noch in kleinen einzelnen Cabins statt in den später üblichen Motels übernachteten. Die Gebäude mit ihrer für die Ozarks typischen Natursteinverkleidung erzählen jedoch noch eine andere Geschichte: Während der Zeit der Rassentrennung gehörten die Lurvey Courts zu den Unterkünften, in denen auch schwarze Reisende willkommen waren – zu einer Zeit, in der das entlang amerikanischer Straßen keineswegs selbstverständlich war. Als die historischen Cabins vom Abriss bedroht waren, gehörten Judy und Richard zu den Menschen, die öffentlich auf ihre Bedeutung aufmerksam machten und sich für ihren Erhalt einsetzten.
Gerade diese beiden Orte zeigen für mich sehr schön, was Preservation entlang der Route 66 eigentlich bedeutet. Es geht nicht darum, jedes alte Gebäude hübsch zu restaurieren und ihm neuen Neon Glanz zu verleihen. Manchmal geht es schlicht darum, etwas vor dem Verschwinden zu bewahren, weil selbst eine verwitterte Trading Post mitten in der Wüste oder ein paar unscheinbare Steincabins in Missouri Geschichten erzählen können, die verloren gegangen wären, wenn niemand rechtzeitig hinschaut.




Meine eigenen Erinnerungen an Judy und Richard haben natürlich ebenfalls mit der Route 66 begonnen. Judy organisierte ein gemeinsames Dinner mit einer ganzen Runde von Roadies und war es auch, die mich an diesem Abend Dean Kennedy vorstellte. Aus der kurzen Vorstellung wurde ein langes Gespräch, doch nicht nur Dean und ich fanden an diesem Abend reichlich Gesprächsstoff. Judy und Harald stellten eher zufällig fest, dass sie auch beruflich etwas miteinander verband: Beide waren Detectives. Damit war natürlich sofort ein weiteres Gesprächsthema gefunden, und schon bald wurden Erfahrungen aus demselben Beruf verglichen – allerdings von zwei verschiedenen Seiten des Atlantiks. Unterschiede, Gemeinsamkeiten und so manche Geschichte aus dem Berufsalltag sorgten dafür, dass ihnen der Gesprächsstoff an diesem Abend ganz sicher nicht ausging. Aus der kurzen Vorstellung wurde ein langes Gespräch, und aus Begegnungen wie dieser entstanden über die Jahre Freundschaften, die irgendwann keine Landkarte mehr brauchten.
Das wurde mir Anfang Juni wieder einmal bewusst, als plötzlich eine Nachricht von Judy kam. Sie und Richard würden mit Sohn Dustin und Schwiegertochter Nora nach Europa reisen und in München landen. Das sei doch gar nicht so weit von uns entfernt – ob wir uns vielleicht auf einen Kaffee treffen könnten? Sie würden sich sehr freuen, uns wiederzusehen.
Wir haben uns auch sehr auf diesen Besuch gefreut. So wurde aus einem Kaffee ein ganzer gemeinsamer Tag.





Wir zeigten ihnen ein Stück Waldkraiburger Geschichte, fuhren anschließend nach Burghausen und bekamen dort eine stilechte Führung entlang der längsten Burg der Welt. Am Abend wechselten wir sogar noch das Land und saßen schließlich auf österreichischer Seite beim gemeinsamen Abendessen, mit Blick hinüber auf die Burg und Live-Musik als unerwartete Zugabe.
Tausende Meilen entfernt von der Route 66 saßen plötzlich Freunde aus Missouri, die wir durch diese alte Straße kennengelernt hatten, mit uns an einem Tisch in Österreich.
Vielleicht lässt sich kaum schöner erklären, was die Route 66 für mich bedeutet. Sie verbindet nicht nur Chicago mit Santa Monica und Orte in acht amerikanischen Bundesstaaten. Ihre unsichtbaren Wege reichen über Kontinente und Ozeane hinweg – und aus einem gemeinsamen Dinner irgendwo an der Mother Road wird Jahre später ein Kaffee in Bayern, der dann natürlich überhaupt kein Kaffee bleibt.
Ein unvergesslicher Tag und eine Freundschaft, für die selbst der Atlantik nur eine weitere Strecke auf der Landkarte ist.


What a wonderful story!