Debbie Dee

Herz und Seele des „Boots Court“

Sie hat es doch noch geschafft – wir haben uns sehr gefreut – hier mit Anja und Wolfgang Werz von der Route 66 Germany – Organisatoren dieses ganz besonderen Events (c) Harald Jungbauer

Das Boots Court Motel in Carthage, Missouri ist ein kleines Juwel an der Mother Road, doch ohne Debbie Dee wäre es für mich nie zu dem besonderen Ort geworden, den ich heute damit verbinde.

Die Geschichte des Boots Court reicht bis in eine Zeit zurück, als Reisen auf der Route 66 noch ein echtes Abenteuer war. Inspiriert vom Erfolg seines älteren Bruders Loyd mit einem eigenen Cottage Court suchte Arthur Boots nach einem geeigneten Standort für ein Motel – und fand ihn in Carthage an der Kreuzung der damaligen U.S. Highways 66 und 71. Für ihn waren es die „Crossroads of America“, und genau hier begann er 1938 mit dem Bau seines Motor Courts.

Arthur Boots entwarf das Gebäude weitgehend selbst und schuf mit seinen gerundeten Ecken, weißem Stuck, schwarzen Glasflächen und flachen Dächern ein für seine Zeit ausgesprochen modernes Motel im Streamline Moderne Stil. Gleichzeitig war er ein Tüftler, der vieles selbst anfertigte, Materialien kreativ verwendete und immer wieder neue Ideen ausprobierte – nicht alle davon waren erfolgreich, doch sie erzählen viel von seinem Erfindergeist und vom Aufbruch jener frühen Jahre des Automobiltourismus.

Das Boots Court war von Anfang an mehr als nur ein Platz zum Schlafen. Die Reisenden konnten ihr Auto geschützt direkt neben ihrem Zimmer abstellen, jedes Zimmer verfügte über ein eigenes Bad und vor allem über etwas, das damals keineswegs selbstverständlich war:

„Radio in Every Room“

Das Radio in jedem Zimmer wurde zu einem der Markenzeichen des Motels – und sollte viele Jahrzehnte später bei der Restaurierung wieder eine wichtige Rolle spielen.

Debbie hat uns sogar das Neon eingeschaltet für ein Foto.
Debbie hat uns sogar das Neon eingeschaltet für ein Foto.

Nach Arthur Boots wechselte das Motel bereits in den frühen 1940er-Jahren den Besitzer. Unter Ples und Grace Neeley kam 1946 ein weiteres Gebäude mit fünf zusätzlichen Zimmern hinzu, wodurch das Boots Court seine bis heute bestehende Größe von insgesamt 13 Gästezimmern erreichte.

Auch ein prominenter Name taucht in der Geschichte des Hauses auf. Clark Gable soll während seiner Reisen zweimal im Boots Court übernachtet haben – 1942 in Zimmer 6 und einige Jahre später erneut in Zimmer 10. Ob berühmt oder nicht, für die meisten Gäste dürfte damals jedoch vor allem eines gezählt haben: ein modernes, sauberes Zimmer direkt an der Route 66.

1948 übernahmen der ehemalige Profi Wrestler Reuben Asplin und seine Frau Rachel das Motel und führten es über viele Jahrzehnte hinweg. Mit der Zeit veränderte sich das Boots Court deutlich: Fernseher und Klimaanlagen hielten Einzug, und in den 1970er-Jahren verschwanden sogar die charakteristischen flachen Dächer unter neu errichteten Giebeldächern.

Nach Rachels Tod 1991 wechselte das Motel mehrfach den Besitzer und geriet zunehmend in Verfall. Zeitweise drohte sogar der Abriss, weil das Grundstück anderweitig genutzt werden sollte. Das Vorhaben scheiterte zwar, doch gerettet war das Boots Court damit noch lange nicht. 2011 galt das einstige Vorzeigemotel an der Route 66 schließlich als gefährdetes historisches Gebäude.

Doch genau zu diesem Zeitpunkt begann das nächste Kapitel seiner Geschichte.

Die Schwestern Debye Harvey und Priscilla Bledsaw kannten das Boots bereits von einer früheren Reise. 2006 haben sie das heruntergekommene Motel fotografiert, weil sie damals nicht glaubten, dass es noch lange existieren würde. Fünf Jahre später erfuhren sie, dass es zum Verkauf stand und kauften es.

Was aber folgte, war keine gewöhnliche Renovierung. Ihr Ziel bestand nicht darin, aus dem alten Motel ein modernes Hotel zu machen. Sie wollten eine Zeitkapsel schaffen und so viel wie möglich von dem Boots Court zurückholen, das Reisende aus den 1940er-Jahren gekannt hatten.

Die später aufgesetzten Giebeldächer verschwanden wieder. Historische Details wurden freigelegt, alte Materialien gesucht, Zimmer nach und nach restauriert und Möbel erhalten oder nach historischen Vorlagen rekonstruiert. 2013 erhielt auch das große Neonschild wieder seinen ursprünglichen Namen Boots Court, und einige Jahre später leuchteten die grünen Neonlinien entlang des Gebäudes wieder über der alten Route.

Und genau in diese Zeit gehört Debbie Dee. Sie empfang die Gäste und wurde für viele Reisende zu seinem Gesicht, aber noch viel mehr zu seiner Seele.

Kennengelernt habe ich Debbie 2016, zunächst allerdings nicht persönlich, sondern über mehrere eMails. Das erste Europäische Route 66 Festival in Ofterdingen stand bevor, und ich durfte mich um ihre Reise diesseits des Atlantiks kümmern. Die organisatorischen Fragen beantwortete meistens Priscilla Bledsaw, während Debbie offenbar mit tausend anderen Dingen rund um das Motel beschäftigt war. Damals ahnte ich noch nicht, dass aus diesem Schriftverkehr schon bald eine Begegnung werden würde, die mir bis heute in Erinnerung geblieben ist.

Der Tag ihrer Ankunft verlief allerdings ganz anders als geplant. Debbie hätte längst schon da sein sollen. Die Stunden vergingen, das Telefon blieb stumm und auch auf Nachrichten reagierte sie nicht. Langsam wurden wir alle unruhig. Irgendwann am späten Nachmittag tauchte sie dann doch auf – völlig entspannt, als wäre überhaupt nichts gewesen.

Ihre Erklärung war so typisch für sie, dass wir im Nachhinein eigentlich nur darüber lachen konnten. Sie hatte einen Mietwagen mit Schaltgetriebe bekommen und da sie schon eine gefühlte Ewigkeit kein Schaltgetriebe gefahren war, wollte sie sich erst einmal in aller Ruhe daran gewöhnen, bevor sie sich damit auf den Weg machte. Lieber etwas später ankommen, als unnötig ein Risiko eingehen. 

Ein Jahr später führte mich meine eigene Reise schließlich nach Carthage, und diesmal traf ich Debbie dort, wo sie ganz offensichtlich hingehörte – in ihrem Boots Court.

Debbie trägt sich zum zweiten Mal in mein Roadbook ein, diesmal mit dem Boots Court Stempel

Mit sichtbarem Stolz öffnete sie Tür für Tür und zeigte uns jedes freie Zimmer. Zu jedem Raum schien es eine Geschichte zu geben – über frühere Gäste, über die Restaurierung oder über kleine Details, die den meisten Besuchern wahrscheinlich überhaupt nicht auffallen würden. 

Erst in diesem Moment wurde mir wirklich bewusst, wie viel Herzblut in diesem Projekt steckt. Das Boots Court war für Debbie nicht nur Arbeitsplatz, es war ein Teil ihres Lebens. Wenn sie darüber sprach, sagte sie immer „wir“: was wir restauriert haben, was wir noch machen wollen, was wir herausgefunden haben.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich Debbie selbst nie einfach als Angestellte des Boots Court wahrgenommen habe. Für mich gehörte sie genauso zu diesem Motel wie das Neon, die geschwungenen Hausecken oder die alten Radios in den Zimmern.

Besonders beeindruckt hat mich damals, mit welcher Konsequenz die historische Atmosphäre erhalten wurde. Ziel war es nie gewesen, ein nostalgisches Hotel mit ein paar alten Bildern an den Wänden zu schaffen. Die Gäste sollten für eine Nacht tatsächlich ein kleines Stück zurück in die Zeit reisen können. Deshalb gab es ganz bewusst keine Fernseher.

Stattdessen standen wieder Radios in den Zimmern – eine Erinnerung an Arthur Boots‘ einstiges Versprechen „Radio in Every Room“. Viele Möbel stammten aus der ursprünglichen Ausstattung oder waren historischen Vorbildern nachempfunden.

Während unseres Besuchs ergab sich noch ein weiterer schöner Zufall. Das belgische Ehepaar Nadine und Swa, das wir bereits vom Europäischen Route 66 Festival kennen und wenige Tage vorher auch beim Birthplace of Route 66 Festival in Springfield, MO getroffen haben, kam ebenfalls vorbei. Aus einer geplanten Besichtigung wurde plötzlich ein fröhliches Wiedersehen mit Freunden aus verschiedenen Ländern, fernab von daheim … in Missouri. Wieder einmal einer dieser Momente, in denen man merkt, wie klein die große Welt der Route 66 eigentlich ist.

Harald, Geri Linda, Debbie Dee, Nadine und Swa – 2017 – diesmal treffen wir uns auf USA-Seite (Deutschland – USA – Belgien)

Als Debye Harvey und Priscilla Bledsaw das Boots Court 2021 nach zehn Jahren in neue Hände gaben, begann ein weiteres Kapitel seiner Geschichte. Eine lokal verwurzelte Gruppe und die Boots Court Foundation führten die Restaurierung weiter und machten sich daran, auch jene Bereiche wiederherzustellen, die bis dahin noch auf ihre Wiederbelebung gewartet hatten.

Nun ging es nicht mehr nur darum, einzelne Zimmer zu retten. Das gesamte Ensemble sollte langfristig erhalten bleiben. Stuck, Dächer, Böden, Carports und historische Details wurden restauriert, während gleichzeitig darauf geachtet wurde, möglichst viel ursprüngliche Substanz zu erhalten. 2022 wurde das Boots Court schließlich in das National Register of Historic Places aufgenommen. Anfang 2023 waren wieder alle 13 Zimmer für Gäste geöffnet. Damit war etwas gelungen, das nur wenige Jahre zuvor kaum jemand für möglich gehalten hätte. 

Auch das Umfeld des Motels begann sich weiterzuentwickeln. Eine ehemalige Sinclair Tankstelle unmittelbar neben dem Boots Court wurde restauriert und als Visitors Center eröffnet. Hier checken heute nicht nur Motelgäste ein; hier finden Route 66 Reisende auch Informationen über Carthage und die Umgebung. Das Boots Court ist damit längst wieder mehr als nur ein Motel geworden. Es ist erneut ein Treffpunkt an der Mother Road. Aber eine fehlte.

Ihr unverkennbares Lächeln das jeder Gast mitnahm

Debbie Dee starb am 24. März 2024.

Mit ihr verlor die Route 66 einen jener Menschen, die untrennbar mit diesem berühmten Ort verbunden bleiben. Wer Debbie gekannt hat, wird sich wahrscheinlich an ihr herzliches Lächeln erinnern oder an die Begeisterung, mit der sie über „ihr“ Boots Court sprach.

Ich selbst denke zuerst an eine Frau, die sich weder von einem ungewohnten Schaltgetriebe noch von einem heruntergekommenen Motel abschrecken ließ. Sie nahm sich für beides die Zeit, die nötig war – und genau deshalb gelang ihr gemeinsam mit all den anderen Menschen, die an die Zukunft des Boots Court glaubten, etwas, das weit über die Restaurierung eines historischen Gebäudes hinausging. Sie half dabei, einem Ort seine Seele zurückzugeben.

Das Boots Court lebt weiter

Heute gehört das Boots Court wieder zu jenen Orten entlang der Route 66, bei denen man kaum glauben kann, wie nahe sie einmal am Verschwinden waren. Die charakteristischen flachen Dächer sind zurück, das Neon leuchtet wieder, in den Zimmern stehen noch immer Radios statt Fernseher und Reisende aus aller Welt verbringen ihre Nächte dort, wo Arthur Boots Ende der 1930er-Jahre darauf hoffte, dass Autofahrer an seinen „Crossroads of America“ anhalten würden.

Fast neun Jahrzehnte liegen zwischen diesen beiden Geschichten.

Arthur Boots konnte nicht wissen, wie oft sein Motel in dieser Zeit den Besitzer wechseln, verändert, beinahe abgerissen und schließlich wieder gerettet werden würde. Ebenso wenig konnte Debbie wissen, wie viele Menschen sich eines Tages an sie erinnern würden, wenn sie an das Boots Court denken.

Die Menschen wechseln, aber der Ort lebt weiter. Und wenn heute jemand die Tür zu einem der 13 Zimmer öffnet, das alte Radio entdeckt und am Abend das Neon vor dem Fenster leuchten sieht, dann ist dort vielleicht auch noch ein kleines Stück von jener Begeisterung zu spüren, mit der Debbie uns 2017 durch „ihr“ Boots Court geführt hat.

Treffen mit Debbie Dee in Zlin 2018 beim 2. EU Route 66 Festival

Immer mit Begeisterung dabei, wenn es um „ihr“ Boots Court ging.

Ein Gedanke zu “Debbie Dee”

  1. A little translation mishap: I just noticed that the English version of my article refers to “Boats Court” instead of “Boots Court.” The translation tool apparently translated “Boots”, which is the German word for “Boats.”

    The correct name is, of course, Boots Court. I’ve now put the name in quotation marks, which prevents the translation tool from translating it.

    Sorry about that! 😊

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