Dream Catcher, Goldgräber und Get Your Kicks

In Oatman sind die frei laufenden Burros (Esel) längst zu den berühmtesten Bewohnern geworden. Auf der Main Street begegnet man ihnen häufiger als den Menschen, sodass der Eindruck erweckt wird – und genauso wird es auch weitergegeben -, dass hier mehr Esel leben als Menschen. Belegt ist es nicht, aber auch wir hatten den Eindruck, die Stadt ist voll im Griff der grauen Tiere als wir 2012 durch Oatman schlenderten.
Aber nicht das kommt mir als erstes in den Sinn, wenn ich an Oatman denke. Meine Erinnerung an Oatman geht in erster Linie an die damalige Besitzerin von Fast Fanny’s Place, Jackie Rowland Murray, eine Frau, deren Verbindung zu Oatman weit über einen Souvenirladen hinausging. Als wir Jackie zum ersten Mal trafen, wusste ich überhaupt nichts über sie. Erst meine nachträglichen Online-Recherchen haben das langsam ans Licht gebracht. Jackie hat mich tief beeindruckt.

Jackies Weg nach Oatman begann eher zufällig. Geboren in Colville im US Bundesstaat Washington, heiratete sie jung und bekam fünf Kinder. Nach ihrer ersten Scheidung studierte sie Buchhaltung an einem Community College in Seattle und arbeitete einige Jahre als Buchhalterin. Mit ihrem späteren zweiten Ehemann betrieb sie anschließend fast fünfzehn Jahre lang eine Kette von sieben Geschäften für indianischen Schmuck in Washington, Oregon, Idaho und Oklahoma. Nach dem Ende dieser Ehe machte Jackie auf eigene Faust weiter. Als „Indian Trader“ war sie mit einem großen Van und einem mehr als 7 m langen Anhänger unterwegs, besuchte Powwows und andere Zusammenkünfte indigener Gemeinschaften, kaufte Schmuck und verkaufte unter anderem Perlen und Materialien für die Schmuckherstellung. Dabei begann sie sich immer intensiver mit der Geschichte des amerikanischen Westens und der indigenen Bevölkerung auseinanderzusetzen. Zwischen 1985 und 1988 führte sie ihr Weg regelmäßig quer durch den Westen der USA – von Yuma bis Montana und North Dakota, über Seattle wieder hinunter nach San Diego.

Dann kam 1988 – und Oatman.
Jackie besuchte dort zunächst eine Freundin, die Fast Fanny’s Place betrieb. Das Geschäft war damals vor allem auf indianischen Schmuck ausgerichtet, also genau auf ein Gebiet, auf dem Jackie sich bestens auskannte. Sie stieg als Partnerin ein. Etwa sechs Monate später verließ ihre Freundin Oatman, und Jackie führte Fast Fanny’s allein weiter. Eine Werbeanzeige von Dezember 1989 zeigt, dass Fast Fanny’s damals bereits fest zur kleinen Geschäftswelt Oatmans gehörte; angeboten wurden unter anderem Silber- und anderer Schmuck, Geschenke, Film, T-Shirts und Souvenirs.
Im Laufe der nächsten Jahre veränderte Jackie das Sortiment. Neben hochwertigem Schmuck, den Navajo und Hopi teilweise direkt zu ihr brachten, kamen Bücher, Postkarten, Magnete, Windspiele und all jene kleinen Dinge hinzu, die Reisende von einem Ort wie Oatman mit nach Hause nehmen wollten. Fast Fanny’s wurde damit immer stärker zu dem Laden, an den sich vermutlich auch viele Route 66 Reisende erinnern.

Doch Jackie war längst nicht nur Geschäftsfrau. In den 1990er Jahren packte sie selbst das Goldfieber. Fünf Jahre lang beschäftigte sie sich mit aktiven Mining Claims in Nordkalifornien und lernte auch diese Seite der Geschichte des Westens aus eigener Erfahrung kennen. Gleichzeitig sammelte sie immer mehr Material über Oatman, den Bergbau, die Menschen am Colorado River und die Geschichte der Region. Aus Interesse wurde Forschung, aus Forschung wurden Vorträge – und irgendwann gehörte Jackie zu jenen Menschen, bei denen Reisende, Journalisten und Einheimische nachfragten, wenn sie etwas über Oatman wissen wollten.
Jackie war Präsidentin der Oatman Historical Society, zeitweise Vizepräsidentin der Historic Route 66 Association of Arizona und wurde in einem Porträt sogar ausdrücklich als gefragte öffentliche Rednerin bezeichnet. Ihre Vorträge hielt sie nicht nur in Oatman. Sie sprach in Arizona, Kalifornien und Nevada, in Museen, State Parks entlang des Colorado River, in Bibliotheken, Schulen und vor verschiedenen Organisationen. Zu ihren Themen gehörten die Geschichte Oatmans, der Goldbergbau, historische Frauen Arizonas und auch das sogenannte Oatman Massacre von 1851. In einem Mitgliederporträt der Arizona Professional Writers beschrieb sie sich selbst sehr passend als eine „historian with gold fever“ (Historikerin mit Goldfieber).
Auch die heutige Oatman Chamber of Commerce bezeichnet Jackie rückblickend ausdrücklich als die Historikerin des Ortes. Dort wird außerdem an ihr Engagement beim Oatman Fire Department, in der Chamber of Commerce und innerhalb der Route 66 Organisationen erinnert. Sogar der besondere Oatman Poststempel, mit dem Besucher ihre Post versehen lassen konnten, geht auf Jackie zurück: Sie entwarf ihn bereits Jahrzehnte zuvor, und nach Angaben der Chamber wird dieser spezielle Handstempel noch heute verwendet.
Aus ihren Vorträgen entstand schließlich auch ein Buch. Der Historiker Paul Taylor aus Bullhead City ermunterte Jackie, das Material, das sie über Jahre für ihre Vorträge zusammengetragen hatte, nicht nur mündlich weiterzugeben. 2006 erschien „Oatman: History, Recipes & Ghost Stories“ – eine für Jackie beinahe typische Mischung aus Lokalgeschichte, Geschichten, Rezepten und jenem Schuss Übersinnlichem, der zu einer alten Goldgräberstadt wie Oatman irgendwie dazugehört. Das Buch findet sich heute sogar in der Route 66 Forschungsbibliografie des National Park Service.

Und dann kam Bob Murray.
Jackie und Bob lernten sich ungefähr 2010 kennen. Bob war ein „snowbird“ aus Kansas, also jemand, der einen Teil des Jahres im wärmeren Südwesten verbrachte. Kennengelernt hatten sie sich laut Jackies späterem Porträt über die damalige Datingplattform Mate1.com. Eines ihrer gemeinsamen Interessen war – wenig überraschend – das Goldsuchen. Zwei Jahre kannten sie sich bereits, als sie im Juli 2012 heirateten.
Ein Foto von Fast Fanny’s, aufgenommen am 15. Juni 2012, zeigt unter dem großen Schriftzug „Fast Fanny’s Place“ bereits ein weiteres Schild: „Prospector Bob’s Mine“. Daneben wurde mit Goldwaschen geworben.
Später wurde diese Verbindung noch enger und Jackie und Bob Fast Fanny’s betrieben das Geschäft gemeinsam. Bob war dort nicht einfach der Ehemann der Ladenbesitzerin. Er hatte seine eigene Rolle – und die passt ziemlich verblüffend genau zu dem Mann, an den ich mich erinnere.
„Prospector Bob“ suchte nach Gold, zeigte Besuchern das Goldwaschen und war zugleich Musiker. Er sang und spielte Gitarre, trat mit einer Waylon Jennings* Tribute Show auf und veranstaltete Karaoke bei Fast Fanny’s. Im Laden befand sich sogar ein kleines Aufnahmestudio, in dem Besucher selbst singen und ihre Aufnahme anschließend auf CD mitnehmen konnten. Ein von Jackie 2014 geschriebener Artikel über Oatman erwähnt ebenfalls ausdrücklich „Prospector Bob“ und seine Goldwasch Vorführungen für Besucher.
Und damit bekommt auch unsere eigene Erinnerung von damals plötzlich einen viel größeren Zusammenhang.

Wir waren 2012 bei Fast Fanny’s und kamen mit Jackie und Bob ins Gespräch. Wie das entlang der Route 66 so oft geschah, blieb es nicht bei einem kurzen „Hello“ über den Ladentresen. Aus ein paar Worten wurde ein längeres Gespräch – und irgendwann griff Bob zur Gitarre und begann zu singen. Er gab uns ein richtiges kleines Ständchen, mehrere Lieder nur für uns. Und natürlich durfte eines nicht fehlen:
„Get Your Kicks on Route 66.“
Damals war es einfach einer dieser wunderbaren, ungeplanten Augenblicke einer Reise. Heute, mit dem Wissen darüber, wer Prospector Bob tatsächlich war, wirkt die Szene fast noch stimmiger. Wir hatten nicht zufällig einen Ladenbesitzer erwischt, der eben auch ein bisschen singen konnte. Musik gehörte ganz offensichtlich zu Bob. Er sang für die Menschen, die bei Fast Fanny’s hereinkamen, spielte Gitarre, machte seine Waylon Jennings Shows und ließ Besucher selbst zu einem Teil dieser kleinen Bühne werden. Unser persönliches Konzert war also vermutlich ganz typisch für ihn – und trotzdem fühlte es sich in diesem Moment nur für uns gemacht an. Deswegen ist unser “Trinkgeld” das wir in sein Tip Jar Glass gesteckt haben, etwas üppiger ausgefallen, als sonst.
Vielleicht erklärt ein weiterer Blick zurück auch, warum die verschiedenen Jahre in der Erinnerung ein wenig ineinanderlaufen. Schon lange bevor Bob auftauchte, gehörte Jackie zu den markanten Persönlichkeiten Oatmans. In einem Arizona Highways Beitrag von 2002 wird sie bereits als Besitzerin von Fast Fanny’s vorgestellt. Damals gehörte sie außerdem zu den „Gold Diggers“, einer Gruppe von Frauen in Westernkleidung, die Besucher unterhielt und das historische Oatman mit Leben füllte. In derselben Geschichte taucht auch der bekannte Oatman Charakter „Uncle Charlie“ Hicks** auf. Bob gehört dagegen eindeutig in die Zeit ab ungefähr 2010, die Hochzeit lässt sich eindeutig auf Juli 2012 datieren. Wir haben die beiden Mitte August getroffen.
Jackie selbst wurde im Laufe der Jahrzehnte immer stärker zu einer Art wandelndem Gedächtnis Oatmans. 2013 wurde sie beispielsweise von Route 66 News zu den Memorials am Sitgreaves Pass befragt und erklärte die örtliche Tradition, dort Asche von Verstorbenen beizusetzen und Erinnerungszeichen zu hinterlassen. Zu dieser Zeit war sie auch Vizepräsidentin der Oatman Chamber of Commerce. Das ist ein schönes Beispiel dafür, dass „Historikerin“ bei Jackie keineswegs nur eine selbstgewählte Bezeichnung war: Wenn jemand die Geschichte und Traditionen Oatmans erklären sollte, gehörte Jackie offenbar tatsächlich zu den Menschen, die man fragte.
Sie blieb mehr als drei Jahrzehnte mit Fast Fanny’s und Oatman verbunden. Spätere Berichte schreiben ihr rund 33 Jahre bei Fast Fanny’s zu und würdigen zugleich ihren Einsatz für Route 66 in Arizona. Sie war Geschäftsfrau, Sammlerin von Geschichten, Goldsucherin, Autorin, Rednerin, Route 66 Aktivistin und über all diese Jahre wahrscheinlich auch so etwas wie eine inoffizielle Botschafterin ihres kleinen Ortes.

Jackie Rowland Murray starb am 13. Juli 2019 im Alter von 80 Jahren. Ihr Nachruf bezeichnete sie als langjährige und weithin bekannte Geschäftsfrau in Oatman und erinnerte daran, dass sie Fast Fanny’s über Jahrzehnte geprägt hatte.
Was von ihr geblieben ist, lässt sich deshalb nicht allein an einem Laden messen. Noch heute erinnert Oatman selbst an sie als seine Historikerin. Ihr Poststempel lebt weiter, ihr Buch bewahrt Geschichten des Ortes, ihr Name findet sich in den Archiven der Route 66 und in zahllosen Erinnerungen von Menschen, die durch diese kleine ehemalige Goldgräberstadt gefahren sind.
Und bei uns ist es eine ganz andere Erinnerung, die geblieben ist.
Fast Fanny’s, ein längeres Gespräch mit Jackie und Bob – und irgendwann steht Prospector da und singt für seine Besucher. Vielleicht Waylon Jennings, vielleicht noch ein paar andere Songs, deren Titel längst verschwunden sind. Aber einer hat sich festgesetzt.
Get your kicks on Route 66.
Es sind genau solche Begegnungen, wegen denen man Jahre später feststellt, dass man von einer Reise nicht unbedingt die großen Sehenswürdigkeiten am deutlichsten in Erinnerung behält. Manchmal ist es ein kleiner Laden in einer staubigen Straße in Arizona – und ein Mann, der irgendwann einfach anfängt zu singen.
Als wir Mitte August 2012 bei Fast Fanny’s herein schauten, waren Jackie und Bob gerade erst seit wenigen Wochen verheiratet. Das hat uns Jackie gleich, als ich mit den ersten Fragen begann, erzählt. Wir wussten aber nicht, dass der Mann, der irgendwann für uns zu singen begann, als „Prospector Bob“ längst seinen ganz eigenen Platz bei Fast Fanny’s gefunden hatte. Für uns war es einfach eine dieser ungeplanten Begegnungen, die eine Reise besonders machen.
Fünf Jahre später führte uns die Route 66 wieder durch Oatman und natürlich wollten wir auch bei Fast Fanny’s vorbeischauen. Hier lässt mich meine Erinnerung inzwischen etwas im Stich, doch ich glaube, der Laden war zu vollgestopft von Reisenden, so dass wir gar nicht den Versuch machten uns auch noch hineinzuzwängen.
Auch bei Fast Fanny’s war es nicht das Geschäft, das mir in Erinnerung blieb. Es waren einfach Jackie und Bob, an die ich mich in erster Linie erinnere.

* Waylon Jennings war einer der großen amerikanischen Country Musiker und eine Schlüsselfigur des Outlaw Country der 1970er Jahre. Mit seinem raueren, eigenständigen Stil setzte er sich bewusst vom damals glatten Nashville Sound ab und wurde mit Songs wie „Luckenbach, Texas“ und „Good Hearted Woman“ zu einer Country Legende.
** „Uncle Charlie“ Hicks war eine der schillernden Persönlichkeiten Oatmans: Koreakriegsveteran, ordinierter Prediger, Silberschmied, Goldsucher und Mitglied der Oatman Gunfighters. Seit den 1980er Jahren gehörte er zum Ortsbild und wurde mit seinem Humor, seinen Geschichten und seinem Engagement für Veteranen zu einer Art lebendem Stück Oatman Geschichte.

Und zum Schluss noch ein besonderes Schild am Wegrand auf dem Oatman Highway

Mit April Etue, Jackies Schwiegertochter, blieb Fast Fanny’s in der Familie. Sie führt den Laden weiter und setzt zugleich Jackies Tradition fort, sich nicht nur um das Geschäft, sondern auch um Oatman und die Menschen entlang der Route 66 zu kümmern.

We miss Jackie. She was special. Lately the store has been empty. April and her husband went back to Washington due to his battle with cancer. They kept the store warm and welcoming just as Jackie did.
Thank you for sharing this. Jackie really was one of those special people who left a lasting impression. I’m very sorry to hear about April and her husband, and I hope they have the strength they need during this difficult time. It’s lovely to know that they kept the store as warm and welcoming as Jackie always did.